Literaturgespräch



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29. Literatur-Gespräch
Natascha Wodin
„Sie kam aus Mariupol“

2017, 19.00 Uhr
Stadtbücherei, Mühlenstraße 8, Melsungen

„Wenn du gesehen hättest, was ich gesehen habe“ – Natascha Wodins Mutter sagte diesen Satz immer wieder und nahm doch, was sie meinte, mit ins Grab. Da war die Tochter zehn und wusste nicht viel mehr, als dass sie zu einer Art Menschenunrat gehörte, zu irgendeinem Kehricht, der vom Krieg übriggeblieben war. Wieso lebten sie in einem der Lager für „Displaced Persons“, woher kam die Mutter, und was hatte sie erlebt? Erst Jahrzehnte später öffnet sich die Blackbox ihrer Herkunft, erst ein bisschen, dann immer mehr.

„Sie kam aus Mariupol‟ ist das außergewöhnliche Buch einer Spurensuche. Natascha Wodin geht dem Leben ihrer ukrainischen Mutter nach, die aus der Hafenstadt Mariupol stammte und mit ihrem Mann 1943 als „Ostarbeiterin“ nach Deutschland verschleppt wurde. Sie erzählt beklemmend, ja bestürzend intensiv vom Anhängsel des Holocaust, einer Fußnote der Geschichte: der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Ihre Mutter, die als junges Mädchen den Untergang ihrer Adelsfamilie im stalinistischen Terror miterlebte, bevor sie mit ungewissem Ziel ein deutsches Schiff bestieg, tritt wie durch ein spätes Wunder aus der Anonymität heraus, bekommt ein Gesicht, das unvergesslich ist. „Meine arme, kleine, verrückt gewordene Mutter“, kann Natascha Wodin nun zärtlich sagen, und auch für uns Leser wird begreifbar, was verlorenging. Dass es dieses bewegende, dunkel-leuchtende Zeugnis eines Schicksals gibt, das für Millionen anderer steht, ist ein literarisches Ereignis.

Natascha Wodin, 1945 als Kind verschleppter sowjetischer Zwangsarbeiter in Fürth/Bayern geboren, wuchs erst in deutschen Displaced Persons -Lagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Nachdem sie eine Sprachenschule absolvierte, übersetzte sie aus dem Russischen und lebte zeitweise in Moskau. Auf ihr Romandebüt „Die gläserne Stadt“, das 1983 erschien, folgten etliche Veröffentlichungen, darunter die Romane „Einmal lebt ich“, „Die Ehe“ und „Nachtgeschwister“. Ihr Werk wurde unter anderem mit dem Hermann-Hesse-Preis, dem Brüder-Grimm-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet, für „Sie kam aus Mariupol“ wurde ihr der Alfred-Döblin-Preis und der Preis der Leipziger Buchmesse verliehen. Natascha Wodin lebt in Berlin und Mecklenburg.

Die Teilnehmer lesen das vorgeschlagene Buch, beim Literatur-Gespräch lesen sie eine Stelle vor und kommen anschließend darüber miteinander ins Gespräch. Dabei sollen keine fachkundigen Belehrungen oder Interpretationen vorgegeben werden. Jeder Beitrag, jede Art von Verständnis sind wichtig. Der Blickwinkel jedes Lesers wird die Sicht auf das gemeinsam gelesene Buch bereichern.

Die Literatur-Gesprächsrunde trifft sich etwa alle 6 Wochen. Beim Treffen wird das nächste Buch ausgesucht (jeder Teilnehmer kann ein Buch vorschlagen) und der nächste Termin festgelegt. Der Termin und das Buch werden auf der Homepage und per Rundschreiben bekanntgegeben. Die Moderation dieses etwa 1½-stündigen Gesprächs hat Hilka Wagner.